l'hMadre felice con il suo bambino Se non è vero, è molto ben trovato“
l'hMadre felice con il suo bambino Se non è vero, è molto ben trovato“
„Mutter und Kind“ von Gustav Klimt
Europe Switzerland CH St.Gallen Zurich
Unbekannt
Erzählunngen Wahrheit Erfunden Phantasie, wer weiss es?
Storie, verità, invenzione, fantasia: chi lo sa?
Histoires, vérité, invention, fantaisie – qui sait?
故事、真相、虚构、幻想——谁知道呢
Stories—truth, invention, or fantasy? Who knows?
Prolog vor dem Prolog
Ich liebe Prolog und Epilog, vielleicht wunderst Du Dich wieso diese Geschichte in "Über mich" aufgeführt ist. Ein Teil ist meine Eitelkeit, eine Geschichte erzählen, beinahe wie ein Schreiber wirken, tun und lassen können, gerade so wie es mir passt. Irgendeine Person erfinden, sie gestalten aus meinen Ideen un dVorstellungen, weglassen oder auch im guten oder schlechten Licht darstellen. Wohl in keinem Buch ist alles erdacht und konstruiert, ich denke jeder Autor greift auf eigen Erlebtes, Gesehenes und Gehörtes zurück, dazu kommt ein Mix aus Phantasie und Realität.
Prolog
Eine Erzählung
Vor einiger Zeit fand ich in der Bahn nach Rapperswil in einer Polsterfalte eine kleine Fotografie. Ich klaubte das Bildchen heraus, strich es glatt und war ob dem Glück welches es darstellte ganz gerührt.
Habe es eingescannt, Flecken und Fehler entfernt und freue mich sehr über das Gelingen. Noch mehr und da staune ich immer wieder, über das Glück welches die junge Frau zusammen mit ihrem Kind ausstrahlt. Bundesrat Ogi meinte mal "Freude herrscht" und dies ist in dem festgehaltenen Moment ganz da.
Wer hat das Bild verloren? Wer vermisst es? Melde Dich!
Lange Zeit später
Wieder in der Bahn nach Rapperswil, ich habe überhaupt nicht mehr an die Fotografie gedacht, sass zwei Sitzbänke weiter vorne ein mir bekanntes Gesicht. Eine Frau, vielleicht, ganz grob so um fünfundvierzig fünfzig Jahre herum. Woher kenne ich diese Gesichtszüge, die Augen und das ganze Wesen, kann mich vorerst mal nicht erinnern woher. Immer wieder mal hingucken, sie schaut weg und ignoriert meine Blicke. Beim Aussteigen, die Eingebung, das ist sie, die von der Fotografie, die junge glückliche Mutter mit dem Kind in den Armen. Ich zerre mein Mobile hervor und suche nach dem Bild, wo habe ich es gespeichert, wie finde ich es rasch und schnell. Ich will prüfen ob es so ist, wie ich denke, hinter ihr her, die Treppe herunter, remple andere Menschen an, entschuldige mich, weiter hinterher und endlich finde ich das Bild. Ja sie ist es, ohne Frage, wohl gereifter und gerade nicht so strahlend. Vor dem Fussgängerstreifen steht die Ampel auf Rot und ich komme neben ihr zu stehen. Ja, ja mit grosser Wahrscheinlichkeit, sie könnte es sein. Was tun? Auf der anderen Strassenseite spreche ich sie an und versuche mich zu erklären, sie wendet sich gehässig ab. Jetzt halte ich ihr das Mobile mit dem Bild vor ihre Augen und sie ganz entrüstet "woher haben sie dies"? Meine Frage, sind sie dies, geben sie mir bitte Antwort und wenn nein, so lasse ich Sie augenblicklich ihres Weges gehen. "Ja das bin ich mit meinem Mädchen, ich hatte nur eine Fotografie davon, welche mir, durch den Diebstahl meiner Tasche abhanden gekommen ist".
Jetzt hellte sich ihr Gesicht auf, freundlich und liebenswert fragte sie, ob ich ihr das Bild senden könnte. Ja natürlich und auch das Original gebe ich ihr gerne, hätte es aber zu Hause und würde es gerne übergeben. Einige Tage später trafen wir uns wie vereinbart im Hafen, sie war hübsch, anmutig und strahlte gerade so wie die milde Frühlingssonne. Ich übergab ihr das Original-Bildchen und ein weiteres, grösseres Foto. Sie packte aus der Handtasche, welche Überraschung, zwei Stücke selbstgemachtem Tessiner Brotkuchen aus. Er schmeckte köstlich und war sehr lecker, nach einiger Zeit der Plauderei verabschiedeten wir uns, ich blieb auf der Bank in der warmen Sonne sitzen, sah ihr in ihrem wiegenden Gang, dem mitschwingendem Kleid nach und fühlte eine kleine Sehnsucht mit dem Gedanken - jünger müsste man sein, mindestens zwanzig Jahre.
Das Leben zieht an uns vorüber, kleine wundersame Begegnungen, Ereignisse und Überraschungen bereichern unseren Alltag, können Freude aber auch das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit auslösen.
Wieder eine Zeit später, vielleicht zwei Wochen
Habe eine WhatsApp-Nachricht von den Initialen KB erhalten, sie wäre bedingt durch ihre Arbeit, hie und da in Rapperswil und wenn ich Freude hätte, sie hätte die, dazu Musse und Zeit uns so zwischendurch in der Mittagspause, zum Plaudern treffen. Sie wäre am nächsten Dienstag so ab 13 Uhr auf der Bank am See, ich wisse ja schon welche und wer sie sei sowieso.
Am Dienstag, ich recht auf jugendlich angezogen, frisch rasiert und gekämmt nähere mich der Bank am See, leer, keine sie, keine BK, trotzdem Sonne und See geniessen und zufrieden sein, ganz nach Rilke "Hiersein ist herrlich". Augen zu und die Sonne mitten ins Herz scheinen lassen, alter Mann hast wohl geträumt, Illusionen gepflegt und Unmögliches erwogen, eigentlich ja nicht und eigentlich ja doch.
Irgendetwas geschieht um mich herum, da ist irgendwas in Bewegung, eine Unruhe und mit einem Lachen, die Frage ob ich geschlafen hätte? Nein, nein, da war sie BK, setzte sich nebenan zu mir auf die Bank, gut sieht sie aus, die Haare nach hinten zu einem Schwanz gebunden, karierte Bluse und kurze Jeans mit Sandalen. Es gehe ihr gut, vielen Dank für das übermitteln der Bilder und das ausgedruckte habe sie eingerahmt, sie freue sich täglich darüber, dem kleinen Mädchen, welches jetzt auch schon dreissig ist, habe sie es auch gesendet und das Schönste, die Tochter sei jetzt auch Mami und sie schon Grossmami.
Es tut schon gut, als älterer Mensch einer jüngeren Person zu begegnen, auch wenn ich sie eher an einen älteren Onkel erinnere, wo ich doch viel lieber Adonis oder wenigsten George Clooney wäre. Sie erklärte mir nämlich, ich erinnere sie so sehr an einen Onkel und solle wegen ihr nicht in Alters-Torheit verfallen. Sie würde sich gerne hie und da ein wenig mit mir unterhalten und wenn ich dies auch mir wünsche, so seien die nächsten Dienstage mal reserviert. Viel hören, viel sagen, viel verstehen, vieles nicht, viel sehen, viel stauenen und schon ist die Stunde um, sie verabschiedete sich und meinte: "in einer Woche hier" und schon war sie weg, verschwunden im Gemenge von Touristen, Urlaubern und Spazierenden. Auf der Bank blieb eine blaue Papiertasche liegen, hat sie vergessen? Darin ein Brot und Karte mit den Worten "Extra für Sie, selbst gemacht und vielen Dank". Der Duft von frischem Brot begleitet mich auf dem Heimweg und lässt mich immer wieder verwundert stauen, wie gut dies riecht.
Eine Woche später
Es regnet, richtiges schweizer Wetter, kühl und nass, ich auf dem Weg zur Bank am See und frage mich ob sie wohl kommt? Überraschung, sie ist schon da, gerade so wie ich mit Schirm und Regenjacke ausgerüstet. "Wir sind wohl Wetterfest und was sollen wir unternehmen, auf der Bank sitzen und auf die Sonne warten ist nicht so gut, ich weiss aber wo es guten Kaffee gibt und es auch ziemlich ruhig ist. Haben Sie Lust darauf? Wir könnten rund um den Schlossberg laufen, zum Schloss hinauf und danach zum Kaffee, ich weiss einen Ort wo es ruhig und schön ist? Gut so, wir laufen los,begegnen nur wenigen Menschen und selbst die Hirschen zogen sich möglichst unter das Stalldach zurück. Am Schloss und er Kirche vorbei den Herrenweg hinunter. Sie schwenkt zu einer Haustüre öffnet und winkt mir zu nachzukommen. In einem historischen Haus drei Treppen hinauf, sie öffnet mit dem Schlüssel und wir treten direkt in eine helle, offen und räumige Wohung ein, sofort zieht es meinen Blick hinaus, über die Dächer, zum See und zu Etzel hin, "hey die Aussicht ist ja grandios, wohnen Sie hier"? "Ja seit rund drei Jahren und auch ich bin immer wieder von der Aussicht überwältigt, jeder Tag, zu jeder Zeit ist es anders und trotzdem gleich, ja und ich geniesse es unerhört hier zu sein". Schuhe und Jacke sind bald ausgezogen und ich soll mich doch an den Tisch bei den Fesnetern setzen, es sei gleich soweit.
Kaffe und Brötchen kommen gleich, ich gestehe meine Überraschung über den Ausblick und auch überhaupt hierher mitgenommen zu werden. Ich solle mich nur umschauen, es ist eine Art Loftwohung, alles bis auf das Bad ist offen und durchlässig und besteht aus einem einzigen grossen Raum mit viel Licht, zum Teil mit Holzboden und zum Teil aus leicht grün schimmernden Granit, viel weiss getünchte Wände, hie und da mit Holz unterbrochen. Der erste Eindruck ist beeindrucken. Meine erste Frage ist dies Valser-Granit und wie sie zu so einer Wohung komme? Ja es ist Valser-Granit und zu so einer Wohung zu kommen sei nicht alltäglich. Dies sei eine lange Geschichte und sollte ich Zeit und Muse haben, erzähle sie gerne, das Regenwetter sei ja auch der richtige Zeitpunkt um zu berichten und daheim zu sein. Der Duft von Kaffe zieht durch die Räume, sie erzählt in Repperswil aufgewachsen zu sein, Schule und Ausbildung und Heiraten ebenso hier. Später hätten Sie in Lavin gelebt und gearbeitet, leider sei ihr Partner vor vier Jahren tödlich verunfallt. Danach habe sie es dort nicht mehr ausgehalten. Schnell sei ihr klar gewesen zurück an den Zürichsee, einfach fort um auch zu Verdrängen. Erstmal eine Wohngelegenheit suchen. Es ergab sich so, das Haus wurde gerade umgabaut und die Rohbauwohung stand zum Kauf. Kapital und Rente seien vorhanden und innerhalb dreier Wochen war sie, wenn auch nicht die Glückliche, so doch die Eigentümerin dieser Wohnung geworden. Sie habe den Architekten vom Innenausbau abgelöst, die Bauplanung und Ausführung der Wohnung selbst übernommen.
Da sitze ich nun ihr gegenüber, bin sprachlos, höre nur zu, bin überwältigt und würde jemandem Anderen kaum die Hälfte glauben. Da sass sie ganz ruhig, erzählte langsam und leise einen Teil ihrer Geschichte, sie wirkt nachdenklich und traurig. Meint aber plötzlich, dies ist jetzt genug, steht auf und sagt wir können weiter zu unserem Altstadtbummel und danach habe ich Termine. Ich bin ziemlich ruhig und nachdenklich geworden, wusste wohl nichts sagen ist in vielmals das Beste.
Beim Gehen ein letzter Rundblick durch die Wohnung und ein stilles Betrachten dieser Frau da neben mir. Wir ziehen durch die Kluggasse zum See und trennten uns. "In einer Woche wieder"? - "Ja gerne".
Eine Woche später
Wir sind beide ziemlich gesprächig und beschlossen zum vertraulicheren Du zu wechseln, mein Name Bruno steht ja auch in WhatsApp und der von ihr Bea, eigentlich habe sie einen anderen Nahmen aber alle nennen sie so.
Frühsommerlich warmes Wetter lässt uns den Entschluss fassen, über den Holzsteg nach Hurden zu laufen. Der ist auch in die Jahre gekommen und ist da und dort notdürftig repariert. Ich erzähle von mir, dass ich immer in der Elektrobranche tätig war, bald siebenundsiebzig werde und versuche jeden Tag bewusst und achtsam zu durchleben. Sie erwähnte sechzig geworden zu sein, was mich doch sehr erstaunte da ich sie so zwischen fünfundvierzig und fünfgzig geschätzt hätte. Halt die Bergluft und viel arbeiten, erhalte im Aussehen jung. Sie hätte fünf Kinder, eines vom ersten Mann und vier mit dem Partner, mit dem sie aber nie verheiratet gewesen sei. Vier Mädchen und ein Junge, das Glück ihres Lebens welches so nie vorgesehen war. Das Glück schon, aber so viele Kinder nicht, das verheiratet sein habe sie nur 18 Monate ausgehalten. Der Jugendfreund sei es gewesen, sie hätte überhaupt nicht gesehen wie er wirklich war, sei einfach verliebt, unerfahren und unkritisch gewesen. Als Mann war er eher dominant und bestimmend und sie wollte Partnerschaft, Freiheit und Selbstbestimmung, daher dann die Korrektur.
Lavin 1992 - 2022
Kapitel 1
Die Geschichte entsteht, bitte um sehr, sehr viel Geduld.
Ich stelle fest, dass es noch viel schwieriger ist eine gute Geschichte zu schreiben als ich dachte.
Geschichten, Künstler und Literaten sind wie Berge oder auch Orgasmen. Es gibt viele, aber um bei den Bergen zu bleiben, achttausender gibt es nur vierzehn. Also auf die ganze Welt verteilt sind es nur wenige und dazu sind sie alle in Asien. Bei Literaten ist es ähnlich und die meisten aus Europa, welch ein Glück für uns. Aber wie wir wissen, auch kleinere Berge oder gar Hügel können wundervoll sein, wenn man oben ist. Bei Literaten ist es ähnlich, Martin Suter wohl kein Achttausender aber spannend und vielseitig zu lesen. Bei Orgasmen liegt wohl das Kunststück in uns, sie wenn man oben ist zu erkennen und in Erinnerung zu halten. Ja und eben, auf dem Etzel oder Schnebelhorn zu sein ist beglückend, es sind immerhin Drei- und Viertausender zu erkennen und die Aussicht auf etwas Grosses ist vorhanden.
Ars vivendi aus der NZZ Samstag/Sonntag, 15./16. Januar 2000
«Carpe diem»
An der Schwelle eines neuen Jahres, und erst recht eines neuen Jahrzehnts, stehen die guten alten Vorsätze. Hier ist einer, für den es nie zu spät ist, jedenfalls nicht, bis es dann doch zu spät ist. Seneca hat ihn in den sechziger Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr., damals auch selbst in seinen Sechzigern, an den Anfang seiner Altersbriefe an Lucilius gestellt:
«So mache es, mein Lucilius: Erhebe Anspruch auf dich für dich, und die Zeit, die dir bisher entweder geraubt oder unterschlagen wurde oder aus der Hand fiel, die Zeit sammle und bewahre! Mache dir klar, dass dies so ist wie ich schreibe: Manche Stunden werden uns entrissen, manche entwendet, manche zerrinnen uns unter den Händen. Am beschämendsten aber ist der Verlust, der durch Nachlässigkeit entsteht. Wen kannst du nur nennen, der seiner Zeit irgendeinen Wert bemisst der den einzelnen Tag wertschätzt der einsieht, dass er täglich stirbt? Denn darin täuschen wir uns, dass wir den Tod erst noch kommen sehen: Ein grosser Teil von ihm ist schon vorübergegangen. Alles, was von unserer Lebenszeit zurückliegen hat der Tod in der Hand. Mache es also, mein Lucilius, wie du schreibst, dass du es machst: Alle deine Stunden halte fest umschlungen! So wird es dahin kommen, dass du weniger vom morgigen Tag abhängst, wenn du deine Hand auf den heutigen legst. Während es aufgeschoben wird, läuft das Leben vorüber.
Der griechische Sophist Antiphon hatte das Thema im späten 5. Jahrhundert v. Chr. angeschlagen: «Es gibt ‑Menschen, die ihr gegenwärtiges Leben nicht leben, sondern sich allen Ernstes erst noch darauf vorbereiten, als ob sie später einmal irgendein anderes Leben leben sollten, nicht jetzt dieses gegenwärtige ‑ und während dessen geht unvermerkt die Zeit vorüber.
Vollends deutlich fassbar wird der Rückgriff des Römers auf den alten Griechen in einem späteren Briefschluss: An vielen ist das Leben vorübergegangen, während sie noch die Ausrüstung für dieses Leben zusammensuchten. . . Diese Menschen leben ja gar nicht, sondern wollen nur erst leben. Alles schieben sie auf. Selbst wenn wir alle Kräfte anspannten, liefe das Leben uns dennoch voraus; so aber läuft es an diesen Säumenden, als wäre es ein fremdes, glatt vorüber und wird am letzten Tag beendet, an jedem verloren. »
Zwischen Antiphon und Seneca hat sich das Horazische „Carpe diem“ in die höchsten Sphären des Zitatenhimmels aufgeschwungen (und ist zuletzt hie und da leider auch auf einer Fussmatte gelandet). Wie das übersetzen? „Pflücke den Tag“, sagen Vokabelmaschinen, „Ergreif den Tag“, „Nutze den Tag“ das Gros der Übersetzer. Golo Mann hat in seiner so getreuen Übertragung der Horazischen Ode getrost geschrieben: „Freue dich heut!“
Klaus Bartels